| Vor alten Zeiten wohnte auf dem Broock in Parchim
ein garstiges Weib, das man allgemein "dei ror Ils" (die
rote Ilse) oder "dei Wäderhex" (die Wetterhexe)
nannte. Rote Ilse aber hieß sie darum, weil sie stets
mit einem auffallend roten Tuch gesehen wurde. Sie war in Parchim
eingewandert, hatte sich ein Häuschen gekauft und sann nur darauf,
Unheil zu stiften. Obwohl das jedermann bekannt war, so wagte es
jedoch keiner, die rote Ilse beim Gericht anzuzeigen. Man fürchtete
ihre Rache. Doch die Stunde der Vergeltung sollte bald schlagen. In
dem Dorfe Slate bei Parchim lebte damals ein Schäfer, der ebenfalls
etwas von der schwarzen Kunst verstand, ohne dass er ein
Hexenmeister war. Denn er gebrauchte sein Wissen nur zu guten
Zwecken. Alle, die von der roten Ilse bedrängt wurden, wandten sich
hilfesuchend an den Schäfer. Der war bereit. Er ließ sich von dem
Treiben der Hexe erzählen und erfuhr, dass sie abends als
dreibeiniger Hase aus der Hintertür ihres Hauses schlüpfte, die
Elde durchschwamm und dann zur Dagekuhl, einem kleinen Gehölz in
der Nähe des Vietingsberges, lief. Als der Hirte das hörte, sprach
er: "Sobald ihr abends den dreibeinigen Hasen seht, ruft
mich." Nach ein paar Tagen schon war das sonderbare Tier auf
dem wohlbekannten Weg zu sehen. Sofort wurde der Schäfer
benachrichtigt. Der ergriff seine Flinte, welche er vorher mit einer
aus Brot gekneteten und durch einen Zauberspruch geweihten Kugel
geladen hatte. Dann rannte er spornstreich zur Dagekuhle und traf
dort wirklich mit der verwandelten Hexe zusammen. Diese ergriff
sofort das Hasenpanier und hopste, soweit es ihre Dreibeinigkeit
erlaubte, von dannen. Doch ihr Ende war nahe. Denn als der Schäfer sein
Gewehr auf das Tier abgefeuert hatte, lag die Hexe wieder in
Menschengestalt blutend unter dem Baum. Sie grinste ihn auf
abscheuliche Weise mit ihren blau unterlaufenen Augen und zahnlosem
Mund an. Der Schäfer aber band ihr die Hände zusammen und führte
sie in die Stadt. Das Gericht sprach das Urteil: "Ins Feuer mit
ihr!" Als sie aber zum Scheiterhaufen geführt wurde,
versuchten ihre Hexenschwestern, sie noch zu retten. Denn als der
Holzstoß von allen Ecken angezündet war, fing es plötzlich so
stark zu regnen an, dass das Feuer schnell erlosch. Doch der Schäfer
wusste auch hier Rat. Er gebot, eine Erbbibel herbeizuschaffen.
Sobald diese dem Weib unter die Füße gelegt wurde, loderte das
Feuer gewaltig empor und hatte bald sowohl das Holz aus auch die
Hexe verzehrt. Die Bibel aber zog man nachher wieder unversehrt aus
der Asche hervor. |